The Deep Water
Ein Fund zwischen Fantasie, Geologie und der Geschichte des Sauerlandes.
Im Juli 2020 führte mich mein Weg wieder zur Veleda-Höhle. Ich genieße auch heute diese ruhigen Zeiten in der bewaldeten Gegend. Schon als kleiner Schuljunge erforschte ich mit meinen Freunden die Gegend. Als Kinder waren wir verdammt viel im Wald. Wie die meisten Kinder der 70iger Jahre halt. Wir lebten noch ohne Handy aber dafür mit einem Taschenmesser in der Hose. Das war unsere Standardausrüstung. Wir schnitzten Pfeil und Bogen zurecht und niemanden störte es.
Die uralte Karsthöhle im devonischen Massenkalk ist einfach ein faszinierender Ort. Nur ein paar Meter neben dem Höhleneingang, unter einem schattigen Baum, fiel mir ein ungewöhnlicher Stein auf. Seine Form war so auffällig, dass ich ihn genauer betrachtete.
Je länger ich den schweren Stein betrachtete, desto mehr erinnerte mich das Fundstück an eine fossile Schildkröte. Ein breiter, nahezu dreieckiger Kopf, ein massiger Panzer, eine eingezogene Vorderpfote, eine kräftige Hintergliedmaße und sogar ein echsenartiger Schwanz schienen erkennbar zu sein. Es war, als hätte die Natur selbst eine Skulptur geschaffen. Ich dachte auch an den Kopf eines Hammerhais.
Natürlich ahnte ich gleich, dass diese Ähnlichkeit kein wirklicher Beweis für ein fossiles Tier war. Dennoch ließ mich der Gedanke einfach nicht mehr los. Charakterlich bin auch eher ein Kopfmensch.
Ein einziges Meer
Vor rund 385 Millionen Jahren, im Mitteldevon, sah die Gegend hier völlig anders aus als heute. Das Land lag damals nicht in den gemäßigten Breiten Europas, sondern befand sich in der Nähe des Äquators. Hier erstreckte sich ein warmes, flaches Tropenmeer. Könnt ihr euch das vorstellen? Denkt ihr dabei sogar an Urlaub und werdet vielleicht etwas wehmütig? Ich kann das selbst verstehen.
An der Stelle der heutigen Veleda-Höhle wuchsen ausgedehnte Riffe. Anders als heutige Korallenriffe wurden sie vor allem von Stromatoporen – schwammähnlichen Riffbildnern – sowie von Korallen aufgebaut. Zwischen den Riffen lebten zahlreiche Meeresbewohner:
- Trilobiten krochen über den Meeresboden.
- Seelilien wiegten sich in der Strömung.
- Brachiopoden und Muscheln bedeckten den Untergrund.
- Schnecken und Kopffüßer suchten Nahrung zwischen den Riffblöcken.
- Frühe Fische schwammen durch das warme Wasser.
Die Kalkskelette dieser Organismen lagerten sich über Millionen von Jahren ab und verfestigten sich schließlich zu mächtigen Kalksteinbänken – dem Gestein, aus dem heute die Veleda-Höhle besteht.
Wie entstand denn die Veleda-Höhle?
Die Höhle selbst ist viel jünger als das devonische Meer.
Nachdem sich während der variszischen Gebirgsbildung das Rheinische Schiefergebirge aufgefaltet hatte, gelangte der Kalkstein an die Erdoberfläche. Regenwasser nahm Kohlendioxid aus Boden und Luft auf und wurde dadurch leicht sauer. Über sehr lange Zeit löste dieses Wasser den Kalkstein entlang feiner Klüfte auf.
Millimeter für Millimeter entstanden Hohlräume, Gänge und schließlich die Veleda-Höhle, wie wir sie heute kennen. Viel langsamer als ihr euch vorstellen könnt. In einem Menschenleben würdet ihr davon nichts mitbekommen.
Die Höhle ist also nicht aus der Devonzeit erhalten geblieben – sie entstand erst viele Millionen Jahre später in dem uralten Kalkgestein.
Meine Entdeckung
Etwa drei Meter neben der Höhle lag unter einem Baum dieser bemerkenswerte Stein. Anmerken muss ich, dass ich legal einfache Steine sammeln darf.
Obwohl die Steinform stark an eine Schildkröte erinnert, gibt es dafür bislang keinen wissenschaftlichen Nachweis. Nach heutigem Kenntnisstand traten echte Schildkröten erst rund 220 Millionen Jahre nach dem Devon auf.
Gerade deshalb ist das Fundstück für mich so spannend.
Vielleicht handelt es sich lediglich um eine außergewöhnliche Verwitterungsform. Das ist gut möglich.
Vielleicht hat die gnadenlose Natur verschiedene Fossilien und Gesteinsstrukturen so miteinander verbunden, dass unser Auge darin ein Tier erkennt.
Oder vielleicht verbirgt sich dahinter eine ganz andere geologische Geschichte.
Die Fossilien auf dem Fundstück
Unabhängig von der schildkrötenähnlichen Gestalt fallen auf dem Stein mehrere kleine Fossilien auf.
Auf den Detailaufnahmen sind verschiedene Strukturen zu erkennen, die gut zu Fossilien aus devonischem Kalkstein passen. Einige wirken segmentiert und erinnern an Glieder fossiler Organismen, andere besitzen feine Oberflächenmuster oder kreisförmige Strukturen. Ohne eine Untersuchung am Original lassen sich diese Merkmale zwar nicht sicher bestimmen, sie zeigen aber, dass das Gestein zahlreiche Spuren des ehemaligen Meereslebens enthält.
Gerade diese echten Fossilien machen das Fundstück besonders reizvoll.
Gedankliche Reisen
Als ich später eine künstlerische Rekonstruktion dieses Steins anfertigen ließ, entstand das Bild einer dunkelgrünen Wasserschildkröte auf dem Grund eines urzeitlichen Meeres. Sie entspricht nicht einer wissenschaftlich bestätigten Rekonstruktion, sondern greift die auffälligen Formen meines Fundstücks auf.
Vielleicht hätte ein solches Tier ausgesehen wie auf dieser Illustration – langsam über den Meeresboden gleitend, zwischen Korallenstöcken und Stromatoporen, begleitet von Fischen und anderen Bewohnern des Devonmeeres.
Diese Vorstellung ist reine Fantasie.
Doch manchmal beginnt wissenschaftliche Neugier genau dort, wo ein ungewöhnlicher Stein unsere Vorstellungskraft weckt.
Hinweis: Das beschriebene Fundstück wurde von mir im Sommer 2020 in unmittelbarer Nähe der Veleda-Höhle bei Velmede gefunden. Die im Beitrag gezeigte Schildkröte ist eine künstlerische Interpretation, die von der Form des Fundes inspiriert wurde und keinen Anspruch auf eine wissenschaftlich gesicherte Rekonstruktion erhebt.
Ihr könnt wieder kommentieren und auch mein Gästebuch nutzen für einen netten Spruch oder ein Hallo. Wie ihr einfach möchtet.
Bye, euer Chris
Chris
Hallo zusammen! 👋 Ich bin Christian, der Kopf hinter fossilienland.com. 🦴Ursprünglich komme ich aus dem Sauerland – dem Land der 1000 Berge. Hier habe ich die Welt der Fossilien quasi direkt vor der Haustür. Ob fossile Fledermäuse oder urzeitliche Insekten: Mir geht der Schreibstoff garantiert nicht aus! 🦇🦟Aber ich bin nicht mehr allein: Ich freue mich riesig, dass Yvi jetzt mit an Bord ist! 🚀 Als waschechte Kölnerin bringt sie ordentlich frischen Wind und Energie ins Team – wie ihr ja schon auf unserem Profilbild sehen könnt! ✨📸Zusammen mixen wir unsere Leidenschaft für Urzeit-Funde mit professionellem Webdesign. 🤫Habt ihr Fragen zu unseren Funden oder Themen? Schreibt es mir einfach direkt in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch mit euch! 💬 Jahrelang hab ich Berichte verfasst und ich bin noch in Übung. Das erkennt ihr sicher an meiner neuen Blogstory für den August. Und ich bin schon wieder an einer neuen Geschichte.🧑💻👇Alles Liebe und ein herzliches „Maach et joot!“🙋♂️Euer Christian